12.10.2020Immer der Nase nach

Alois, erzähle uns ein wenig über dich und deine Hunde. 

Ich bin 61 Jahre alt und seit 40 Jahren als Hundeführer in der Rettungs- und Suchhundearbeit tätig, gleichzeitig aber auch im Schutz- und Jagdhundebereich aktiv. Insgesamt blicke ich auf etwa 35 Jahre Einsatzgeschehen im Land Salzburg zurück. Zudem habe ich drei internationale Erdbebeneinsätze absolviert. Heute liegt mein Schwerpunkt in der Ausbildung sowie dem Prüfen von Rettungshunden. Mein Einsatzwissen kann ich in diese beiden Bereiche sehr gut einfließen lassen, denn ich weiß genau, welche Aspekte einen guten Einsatzhund ausmachen. 
Aktuell begleiten mich drei Hunde, zwei Labradore und ein Malinois. Einer der beiden Labradore wird zum Trailen aber auch zur Jagd eingesetzt. Der Malinois ist mein pensionierter Dienst- und Rettungshund. Er ist mittlerweile zwölf Jahre alt. Aber auch er ist im Trailen eingearbeitet. 
Ursprünglich hatte ich zum Trailen einen Schweizer Laufhund, der aber leider verstorben ist. Deshalb habe ich begonnen zunächst den Malinois ins Trailen einzuarbeiten und danach meinen Labrador. In absehbarer Zeit plane ich das Rudel durch einen Hannoverscher Schweißhund zu erweitern, welcher dann wieder zum reinen Trailer ausgebildet wird. 

 

Erkläre uns bitte, was genau Mantrailing ist und wie es abläuft? 

Der Begriff Mantrailing gefällt mir persönlich eigentlich überhaupt nicht, weil dieser mittlerweile bereits sehr weitläufig angewendet wird. Ich bevorzuge daher die Bezeichnung ‚Spezielle Personensuche‘, um welche es im Kern auch geht. Mantrailing bedeutet schließlich nichts anderes als Mensch und Spur. 
Generell sollte das Trailen aus zwei Sichtweisen betrachtet werden, zum einen aus der Perspektive des Sports zum anderen des Einsatzes. Für den sportlichen Bereich kann ein normal veranlagter Hund gut eingearbeitet werden. Trailen ist eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung für Mensch und Hund. Für mich als Betreiber einer Hundeschule ist es wichtig, das Verständnis zu schaffen, dass jeder geschulte und ausgebildete Hund im Team mit seinem Besitzer ein Gewinn für die Gesellschaft ist. Das Thema Hund ist oft ein Konfliktthema, aber bei entsprechender Auslastung und Erziehung kann diesem Bild positiv entgegengewirkt werden. 
Für den Einsatz als Trailer in einer Rettungshundestaffel reicht es nicht aus, den Hund sportlich zu führen, sondern der Hund muss gleichzeitig über besondere Charaktereigenschaften wie Teamfähigkeit und einen ausgeprägten Such- und Finderwillen verfügen. Hunde, die diese Attribute mitbringen, werden speziell geschult und erfahren eine intensive Ausbildung. 
Oft wird der Trailer als das Allheilmittel angesehen. Das ist er jedoch nicht. In der Zusammenarbeit mit einem Flächensuchhund potenziert sich die Chance, die vermisste Person zu finden. Der Mantrailer kann ganz bedeutend dazu beitragen, den Suchbereich einzugrenzen, indem er anzeigt, hier war die Person und in diese Richtung ist sie gegangen. Das Credo lautet hier: Gemeinsam statt einsam. 

 

Worin besteht der Unterschied zwischen Mantrailing und Fährten- bzw. Flächensuche? 

Das ist die Kardinalfrage schlechthin. Den Trailer mit einem Fährtenhund zu vergleichen ist nicht zulässig. Der Fährtenhund soll vom Ansatz der Fährte mit tiefer Nase die Fährte spurgetreu verfolgen. Dabei orientiert er sich an den Bodenverletzungen auf natürlichem Untergrund wie zum Beispiel Wiese oder Erde. 
Der Trailer bekommt einen Bereich zugewiesen, in dem die Person zuletzt war. Dort riecht er an dem jeweiligen Geruchsartikel und gibt danach vor, in welche Richtung die Spur verläuft. Der Trailer holt sich den Geruch dort, wo er ihn wahrnimmt. Das kann vom Boden, aber auch aus der Luft sein. Durch Faktoren wie Wetter, Wind, Thermik oder Straßenverkehr können Geruchspartikel verwirbelt werden. Für den erfahrenen Trailer jedoch kein Problem, denn er kann den Geruch auch über weite Strecken noch aufnehmen. Idealerweise soll der Hund auch im Mantrailing spurgetreu bleiben, da auf dem Weg oft wertvolle Hinweise zur gesuchten Person gefunden werden können, wie zum Beispiel ein Spielzeug oder eine mutmaßliche Tatwaffe. 

 

Wie bist du zum Mantrailing gekommen? Und wie lange bist du in diesem Bereich bereits aktiv?

Im Mantrailing bin ich mittlerweile mehr als zehn Jahre aktiv. Im europäischen Raum wurde das Trailen lange belächelt, während es in Amerika bereits seit vielen Jahren etabliert ist. Dabei wurden in der Ausbildung von Fährtenhunden auch bei uns bereits sehr früh, wenn auch unwissentlich, Aspekte des Mantrailing trainiert. Es gab beispielsweise eine Übung, die hieß Geruchsidentifizierung. Die Aufgabe für den Hund bestand darin, aus fünf Gegenständen den richtigen Geruch des Fährtenlegers zu identifizieren. Die Gegenstände wurden dabei aufgelegt, der Hund ging durch, roch an allen Artikeln und auf dem Rückweg musste er den zum Fährtenleger gehörigen Artikel bringen. Diese Übung wurde zwischenzeitlich mangels Zweckdienlichkeit abgeschafft, später jedoch wieder aufgegriffen. Ich bin sozusagen über die Fährtensuche zum Mantrailing gekommen. 

 

Lass es uns nochmal kurz auf den Punkt bringen: Welche Voraussetzungen müssen Mensch und Hund mitbringen, um Mantrailing machen zu können? 

Natürlich müssen wir auch hier wieder unterscheiden zwischen dem Sport- und Einsatzbereich. Beginnen wir mit dem Einsatz: Es braucht einen guten, fitten Hund mit ausgeprägtem Such- und Finderwillen, wie früher erwähnt. Der Hund muss gut motivierbar sein, entweder über Futter oder Spiel. Die Rasse ist sekundär, wobei manche Hunde sicherlich bessere Voraussetzungen haben als andere. Jagdhunderassen sind für den Job als Trailer beispielsweise besonders gut geeignet, da sie zwar Grundgehorsam, aber vielfach keinen ‚blinden Gehorsam‘ haben. Und das ist ein ganz entscheidender Aspekt, denn beim Trailen sollen sich die Hunde nicht bereits durch leichte Einwirkungen ihres Menschen ablenken lassen. Sie müssen fähig sein, selbst Entscheidungen zu treffen und sich durchzusetzen, gleichzeitig aber auf klare Kommunikation des Hundeführers reagieren. 
Das Zusammenspiel Mensch und Hund beim Trailen beschreibe ich gerne so: Vorne ist die Nase, hinten das Hirn. Wenn der Hund nicht mehr weiter findet, dann muss das menschliche Gehirn aktiv werden, die Situation analysieren und die weitere Strategie festlegen. Die Frage, die sich der Hundeführer stellen muss, ist, was kann ich tun, um aus der Situation rauszukommen. Dabei gilt es zu erörtern, ob der Hund alles ausreichend überprüft hat und er in der Suche unter Umständen durch einen selbst behindert wurde. Gleichzeitig ist es wichtig, die äußeren Einflüsse wie Wind oder Thermik bei der Beurteilung der Lage zu berücksichtigen. Neben all diesen Aspekten sollte der Hundeführer eine gute körperliche Fitness aufweisen und absolut essenziell ist, dass er die Körpersprache seines Vierbeiners gut lesen kann. Auch sollte der Hundeführer über eine hohe Frustrationstoleranz verfügen, denn durch die vielen Faktoren, die auf einen Trail einwirken, führt nicht jeder Einsatz zum Ziel. 
Im Sport braucht es ebenfalls einen guten Hund, um erfolgreich zu sein. Wenn aber ein Hund im Sport einen Trail verliert, dann ist das zwar ärgerlich, aber es ist nicht lebensbedrohlich. Über den Sport finden bei entsprechender Eignung viele den Weg in das Einsatzgeschehen.  

 

Wenn Hunde für das Einsatzgeschehen vorbereitet werden, welche Situationen werden trainiert? 

Das Arbeiten mit Negativspuren ist beispielsweise wichtig. Die Hunde erhalten einen Geruchsträger, von einer Person, die nie zugegen war. Im Idealfall wird der Hund die Suche nicht starten, sondern seinem Hundeführer zu erkennen geben, es gibt hier keine Spur. Auch Situationen, in denen Personen in ein Auto oder den Zug einsteigen und sich die Spur verliert, werden regelmäßig trainiert. 

 

Was begeistert dich am meisten am Mantrailing? 

Zu beobachten, wie sich Hunde bereits im frühen Welpenalter, ab etwa neun Wochen, für die Suche begeistern lassen und wie sie sich bemühen, jede noch so kleine Spur zu finden – das ist etwas Besonderes. Der Aufbau und das Formen der Hunde ist für mich persönlich absolut spannend. 
Schön zu beobachten ist auch, wenn das Zusammenspiel aus Hund und Mensch funktioniert und Teams komplexe Aufgaben, wie etwa Kreuzungen, lösen und letztlich den richtigen Ausgang finden. 
Einzigartig ist auch, dass ein Hund bis ins hohe Alter trailen kann, wenn auch nicht im Einsatzbereich, aber als sportliche Betätigung ist es allemal eine sinnvolle Beschäftigung für alternde Hunde. 
 

Die Internationale Rettungshunde Organisation bietet für ihre nationalen und internationalen Trainer eine Mantrailing-Ausbildung an. Was ist das Besondere an dieser Ausbildung und wie sehen die Lehrinhalte aus? Worauf liegt der Fokus der Ausbildung? 

Das Besondere an der Ausbildung ist, dass bestehende IRO Trainer in der Sparte Mantrailing ausgebildet werden, um künftig selbst Trainings in diesem Bereich durchführen zu können. Im Rahmen der Trainerausbildung ist es uns vor allem wichtig, dass die Trainer mit ihren eigenen Hunden arbeiten, um das erlernte Wissen direkt praktisch anwenden und zuhause selbst weiter vertiefen zu können. Die IRO Trainer werden ihre Hunde, selbst wenn sie diese bereits aktiv in einer anderen Suchdisziplin führen, nochmals neu kennenlernen. Für die Teilnehmer ist es auch eine besondere Motivation, mit ihren eigenen Hunden Erfolgserlebnisse zu haben und die Faszination des Mantrailing zu erleben. 
Zur Sicherstellung des Ausbildungserfolges schließt das Programm mit der Prüfung IPO-R A Nasenarbeit. Die A-Prüfung ist für die Teilnehmer ein greifbares Ziel, auf das sie im Rahmen der Ausbildung hinarbeiten. 
Entscheidend ist auch, dass Mantrailing ohne Probleme als Ergänzung zu anderen Suchdisziplinen ausgeübt werden kann. Ein Trümmerhund wird sein Handwerk nicht verlernen, nur weil er mit dem Trailen beginnt. Hunde erkennen über bestimmte Rituale, welche Aufgabe sie erwartet. So tragen sie beim Mantrailing etwa ein Geschirr, was bei der Trümmersuche nicht der Fall ist. 
Weiters zeichnet sich die Ausbildung dadurch aus, dass punktuell auch IRO Leistungsrichter daran teilnehmen werden. Das IRO Richterkollegium wird künftig vermehrt Mantrailing-Prüfungen richten und daher ist es wichtig, dass sie vertiefende Einblicke bekommen. 
International gesehen, ist der Bedarf an gut ausgebildeten Trailern gegeben. In vielen Ländern ist das Trailen beispielsweise fester Bestandteil der Polizeieinsatzarbeit. Mit der Schulung der nationalen und internationalen IRO Trainer setzen wir einen wichtigen Schritt, die hohen Qualitätsstandards der IRO in der Ausbildung von Rettungshunden künftig auch im Bereich Mantrailing global sicherstellen zu können. 

 

Wie lange dauert grundsätzlich die Ausbildung zum geprüften Mantrailer? 

Nach etwa drei Jahren ist der Hund in der Regel so weit, dass er wirklich zuverlässig arbeitet. Aber grundsätzlich endet die Ausbildung nie, weil jeder Trail anders ist und Mantrailing generell eine äußerst komplexe Disziplin ist. 

 

Eine letzte Frage: Wie oft pro Woche trainierst du mit deinen Hunden? 

Mindestens einmal pro Woche. Mit den beiden Labradoren trainiere ich fast jeden Tag in irgendeiner Form. Der Pensionist, mein Malinois, darf auf das Haus aufpassen. 

 

Alois, vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, mit uns dieses Interview zu führen. 

Cookie Einstellungen

Wir setzen automatisiert nur technisch notwendige Cookies, deren Daten von uns nicht weitergegeben werden und ausschließlich zur Bereitstellung der Funktionalität dieser Seite dienen.

Außerdem verwenden wir Cookies, die Ihr Verhalten beim Besuch der Webseiten messen, um das Interesse unserer Besucher besser kennen zu lernen. Wir erheben dabei nur pseudonyme Daten, eine Identifikation Ihrer Person erfolgt nicht.

Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.