25.08.2020Helden im Einsatz: Denis Laus über die Mission im Libanon

Bei einer gewaltigen Explosion im Hafen von Beirut Anfang August wurden mehr als 170 Menschen getötet und schätzungsweise 6.000 Menschen verletzt. Mehrere hundert Rettungskräfte verschiedener Organisationen aus aller Welt kamen in die libanesische Hauptstadt, um die Menschen nach der verheerenden Explosion zu unterstützen. Unter ihnen war auch der IRO Beurteiler Denis Laus, der zusammen mit seinem Hund Sheeva als Teil des dreizehnköpfigen Teams der deutschen Organisation @fire - Internationaler Katastrophenschutz Deutschland die Suche nach Verschütteten unterstützte. Wir hatten die Gelegenheit, mit ihm zu sprechen.

 

Denis, erzähle uns ein wenig über dich und deinen Hund Sheeva.
Ich bin Geschäftsführer eines Hotels in Paris und durch meine Frau bin ich zur Rettungshundearbeit gekommen. Inzwischen bin ich seit sieben Jahren ein leidenschaftlicher Rettungshundeführer. Wir verbringen jedes Wochenende und jeden freien Tag damit, mit unseren Hunden zu trainieren oder unser eigenes Wissen durch Fortbildungen zu erweitern.
Mein Partner auf vier Pfoten ist Sheeva, ein siebeneinhalb Jahre alter Malinois-Rüde. Er ist mein erster Hund, und so haben wir beide von Grund auf mit der Ausbildung zu einem professionellen Rettungshundeteam begonnen. Heute ist Sheeva ein ausgebildeter Rettungshund in den Disziplinen Fläche und Trümmer.
Ich bin seit vier Jahren bei @fire, und Sheeva und ich haben bereits mehrere nationale Einsätze zusammen mit den deutschen Feuerwehrleuten absolviert. Der jüngste Einsatz im Libanon war unser erster internationaler Einsatz.

 

Wo warst du, als du die Mitteilung erhieltst, dass du in den Libanon reisen wirst, um die Suche nach vermissten Personen in Beirut zu unterstützen?
Ich war in Paris, als ich die Benachrichtigung erhielt. Unmittelbar nach der Katastrophe begannen meine Kollegen und ich, die Berichterstattung aufmerksam zu verfolgen und uns auf einen möglichen Hilfseinsatz vorzubereiten. Bereits am Dienstagabend waren meine Koffer praktisch gepackt, und Sheeva und ich waren reisefertig. Am Mittwochmorgen erhielten wir die direkte Einladung der libanesischen Regierung, die um internationale Hilfe bat. Das @fire Einsatzteam machte sich dann in zwei Etappen auf den Weg nach Beirut. Sieben Personen aus unserem USAR Light Team (USAR = Urban Search and Rescue) waren bereits am Mittwochabend in die Krisenregion gereist. Sechs weitere Freiwillige, einschließlich mir und Sheeva, trafen am Donnerstag ein.
Die Herausforderung für mich bestand darin, von Paris nach Frankfurt zu kommen. Normalerweise reise ich mit dem Flugzeug, aber diesmal musste ich das Auto nehmen. Aufgrund von COVID-19 gibt es derzeit nur noch einen Flug täglich von Paris nach Frankfurt.

 

Abgesehen davon, welchen Einfluss hatte COVID-19 auf den Einsatz allgemein?
Das gesamte Team musste sich vor dem Abflug und bei der Ankunft am internationalen Flughafen Beirut – Rafic Hariri einem Coronavirus-Test unterziehen. Bis wir die Ergebnisse erhielten, mussten wir in unserem Basislager in Quarantäne bleiben. Wir nutzten die Zeit, um unsere technische Ausrüstung vorzubereiten.

 

Nachdem ihr grünes Licht erhalten hattet, was geschah dann?
Sheeva und ich konnten am Freitagmorgen mit der Suche beginnen. Jedem Land wurde ein bestimmter Sektor zugewiesen. Gemeinsam mit den Einsatzkräften des deutschen THW (Technisches Hilfswerk) suchten wir mit technischer Ausrüstung und Rettungshunden im Hafengebiet, einem am stärksten betroffenen Bereich nahe dem Explosionszentrum, nach Überlebenden. Jeden Morgen vor Beginn der Suche trafen wir uns mit unseren THW-Kollegen zu einem gemeinsamen Briefing, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Außerdem gab es tägliche Treffen mit den Teamleitern aller anderen internationalen Organisationen. Insgesamt waren elf USAR-Teams vor Ort.
Schockierend war das Bild, das sich uns bot, als wir in dem zugewiesenen Suchgebiet ankamen. Im Vergleich zu einem Erdbeben war das Suchgebiet eher klein, aber für ein Explosionsereignis war es riesig, und das Ausmaß der Schäden war enorm. In einem Umkreis von zwei Kilometern um den Explosionsherd war kein Fenster unversehrt geblieben.

 

Was war deiner Meinung nach, die größte Herausforderung für die Rettungshundeteams?
Die Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit haben die Arbeit der Hunde ungemein erschwert. Bereits um 8 Uhr morgens war die Hitze aufgrund der starken Luftfeuchtigkeit drückend. Zwischen 11.00 und 14.00 Uhr war die Hitzebelastung besonders hoch, so dass wir die Suche den Bedingungen entsprechend anpassen mussten. Unter solchen Umständen ist es wichtig, immer genügend Wasser für den Hund, aber auch für sich selbst dabei zu haben. Viele Rettungshunde tragen auch spezielle Kühlwesten, um die Thermoregulation zu unterstützen. Aus Sicherheitsgründen war es uns nicht erlaubt, nachts zu arbeiten. Wir waren immer von Soldaten mit geladenen Gewehren umgeben, auch tagsüber. Das war ein mulmiges Gefühl.
Eine weitere Schwierigkeit war das Glas, das überall verstreut lag. Eine Suche in einem Lagerhaus, in dem Alkoholflaschen gelagert wurden, war für unsere Hunde besonders gefährlich. Die Verletzungsgefahr für den Hund durch die Splitter von Glasflaschen ist viel höher als beispielsweise durch Scherben von zerbrochenen Fensterscheiben. Selbst das Tragen von Schuhen würde die Hunde nicht ausreichend vor Verletzungen durch die feinen, spitzen Glassplitter schützen. Aus diesem Grund habe ich die Durchsuchung von Sheeva im Lagerhaus eingestellt. Sheeva und ich sind ein Team, und es liegt in meiner Verantwortung, die Situation zu beurteilen und seine Sicherheit zu gewährleisten. Da nach gründlicher Untersuchung eine Suche durch menschliche Rettungskräfte in diesem Teil des Gebäudes ohne Gefahr möglich war, beschloss ich, ihn nicht hineinzuschicken, sondern das Trümmerfeld selbst zu durchsuchen. Ich brauchte sicherlich ein paar Minuten länger als Sheeva benötigt hätte, aber am Ende war es die einzig richtige Entscheidung.

 

Warum ist der Einsatz von Rettungshunden nach solchen Katastrophen so ungemein wichtig?
Um schneller und tiefer in die Suche gehen zu können. Es ist auch sicherer für die Verschütteten. Es macht einen Unterschied, ob eine Person mit rund 70 Kilo das Trümmerfeld absucht oder ein Hund mit 25 Kilo. Wir arbeiten immer in Paaren von zwei Rettungshundeteams. Mein Kollege Lars Prößler und der IRO zertifizierte Hund Apple bildeten mit uns zusammen eine Sucheinheit. Zunächst sucht einer unserer Hunde das Gebiet nach Überlebenden ab. Dann wird das gleiche Gebiet vom zweiten Hund abgesucht, um das Ergebnis zu bestätigen. Wenn sicher ist, dass sich unter den Trümmern keine Überlebenden mehr befinden, wird das Gebiet für die Aufräumarbeiten freigegeben. Diese Vorgehensweise ist besonders effizient. 

 

Wie lange dauerte die Suche?
Die Durchsuchungen dauerten nur zwei Tage. Am Samstag, vier Tage nach der Explosion, war klar, dass es in keinem der Suchgebiete mehr Überlebende unter den Trümmern gab.

 

Als du aus Beirut zurückkamst, wie sah der Rest der Woche für euch beide aus?
Wir kamen am Montag, 10. August, zurück, und bereits am Mittwoch ging es für mich wieder zurück in die Arbeit. Sheeva war die ersten beiden Tage nach unserer Rückkehr ziemlich erschöpft, aber kurz danach war er wieder ganz der Alte. Am Wochenende nach unserer Rückkehr lag der Schwerpunkt unseres Trainings auf Motivation und leichter Arbeit für ihn. Da die Hunde während des Einsatzes keine Überlebenden fanden, ist es wichtig, die Hunde wieder zu motivieren. Vor Ort hatten wir nicht viel Gelegenheit dazu, aber natürlich haben wir zwischendurch ein paar kleine Übungen gemacht, um die Motivation aufrecht zu erhalten. Das ist für den Hund und den ganzen Sucheinsatz von großer Bedeutung.

Gibt es eine besondere Erinnerung, die du von der Mission mit nach Hause nimmst?
Die Situation ist für die Einheimischen erschütternd. Viele haben ihr Zuhause oder sogar Angehörige verloren. Mit unseren Hunden haben wir es geschafft, den Menschen ein Lächeln zu schenken, zumindest für einen kurzen Moment. Viele haben Fotos von uns – vor allem von den Hunden – gemacht. Die Atmosphäre war sehr freundlich.

 

Sheeva und du seid ein IRO zertifiziertes Team, wie wichtig ist der IRO Einsatztest für dich persönlich? Hat dir die IRO Ausbildung geholfen, auf solche Einsätze vorbereitet zu sein?
Mit Sicherheit ja. Das Absolvieren realistischer Trainingsszenarien vermittelt die nötige Erfahrung und Routine, um in einem Notfall gezielt handeln zu können. Vor allem die Bestätigung der Einsatzbereitschaft des Hundes durch unabhängige Beurteiler gibt einem Sicherheit. Wir haben 2017 unseren ersten Einsatztest absolviert und zwei Jahre später die Reklassifizierung erfolgreich bestanden.

 

Eine letzte Frage: Wie oft pro Woche trainierst du mit Sheeva?
Bis Sheeva fünf Jahre alt war, haben wir dreimal pro Woche trainiert. Und das Gehorsamkeitstraining findet natürlich jeden Tag statt. Heutzutage ist das Training etwas reduziert, auch aufgrund von COVID-19. Aber wir trainieren immer noch so oft wie möglich, und ich tue auch viel für meine persönliche Fortbildung. Zum Beispiel absolviere ich einen EMT-Kurs (Emergency Medical Technician), der vom Roten Kreuz in Paris angeboten wird, um dem Team auf dem Feld auch dann helfen zu können, wenn mein Hund nicht arbeiten kann.

 

Denis, vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, mit uns dieses Interview zu führen. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen beim IRO Trainer Modul II im September.

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